Interview Wolfgang Reithofer

Frankfurter Allgemeine Zeitung • 13./14. Dezember 2008 • Nr. 292

Zur Person
■    Wolfgang Reithofer wurde am 30. Dezember 1948 in Wien geboren.
■    In Wien studierte er Rechtswissenschaften, Technische Mathematik und Betriebswirtschaft.
■    Seine Berufserfahrung begann er bei der Union Baugesellschaft. Für Wienerberger arbeitet er seit 1981, wo er 1985 Vorstandsmitglied wurde. Seit 2001 ist er Generaldirektor des Baustoffkonzerns.
Herr Reithofer ist mit einer Apothekerin verheiratet und hat drei Kinder.

Seine Karriere verlief normal – bis die Nachricht von der Krankheit kam. Wolfgang Reithofer hat es trotzdem an die Spitze seines Konzerns gebracht.

Von Michaela Seiser

Angefangen hat alles vor rund einem Vierteljahrhundert. Damals bemerkte Wolfgang Reithofer, gerade mal im Alter von Mitte dreißig, eine Muskelschwäche in den Beinen. Im Jahr 1982 erreichte ihn dann die brutale Diagnose: Multiple Sklerose, kurz MS, teilten ihm die Ärzte mit. Damals war er als Prokurist des Baustoffkonzerns Wienerberger zuständig für Personal, Recht, Verwaltung, Controlling, Finanz- und Rechnungswesen sowie Liegenschaften. Heute ist Reithofer fast sechzig Jahre alt, leidet unter fortgeschrittener MS – und hat es zum Vorstandsvorsitzenden gebracht.

Multiple Sklerose ist trotz aller Forschung eine Krankheit mit vielen Fragezeichen. Sie äußert sich in Symptomen von Muskelschwäche und Gleichgewichtsstörungen bis hin zu Lähmungen. Auf der ganzen Welt leiden geschätzte 2,5 Millionen Menschen an dieser entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die Krankheit verläuft chronisch, meist in Schüben und zeigt bei jedem Betroffenen äußerst unterschiedliche Symptome.

Im Fall von Wolfgang Reithofer hat sich die Lähmung inzwischen weit ausgebreitet. Zuerst brauchte er einen Gehstock, heute ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Zum Gruß kann er die rechte Hand nicht mehr geben. Mit der linken kann er den Druck nur noch schwach erwidern. Sein Wasser trinkt er mit einem Strohhalm. Er hat versucht, den Schock intellektuell zu verarbeiten. „Im ersten Moment ist so was nicht erfreulich”, sagt Reithofer heute mit der ihm eigenen Nüchternheit. Geholfen hat ihm vor allem seine Frau. Sie hat ihm damals die Krankheit erklärt und ein Buch darüber geschenkt.

Die Nachricht hat sein Leben grundlegend verändert, er musste es von da an als körperlich eingeschränkter Mensch organisieren. An seiner beruflichen Ausrichtung änderte sich jedoch nichts. Er wurde drei Jahre später Mitglied des Vorstandes und hat die Expansion des weltgrößten Ziegelproduzenten mit vorangetrieben, während die Muskelschwäche sich ausbreitete. Er erinnert sich an das Gespräch damals mit dem Aufsichtsrat. Alles sei „ohne Herumgedruckse” abgelaufen, berichtet Reithofer. „Wenn ich glaube, es machen zu können, dann soll ich es machen”, sagten ihm die Kontrolleure. Damit war das Thema erledigt. Reithofer ist jedoch überzeugt, dass es für ihn relativ einfacher war. „Man käme nicht in diese Position, wenn man nicht schon vorher im Unternehmen ist.

Seit 18 Jahren sitzt Reithofer im Rollstuhl. Inzwischen braucht er Hilfe rund um die Uhr. Vier Pfleger wechseln sich ab, im Monat kommen Kosten von bis zu 5000 Euro zusammen. Diesen Aufwand kann sich der Wirtschaftskapitän mit einem Jahressalär von zuletzt rund 1,6 Millionen Euro leicht leisten. Sein Aufsichtsrat zollt ihm Respekt, nicht nur für die geistige Fitness, sondern für die offene Diskussionskultur.

Wer etwas von Schonen redet, hat bei Reithofer schon verloren: „Arbeit hat mir noch nie Probleme bereitet”, entgegnet er und fügt hinzu: „Ich bin ja hier nicht als Hundertmeterläufer tätig.” Doch setzt er auch auf die Vorstandskollegen, „die recht aktiv sind”. Reithofer agiert eher als graue Eminenz im Hintergrund, wie er zugibt: „Ich sehe meine Rolle, zu koordinieren und das operative Geschäft nicht selbst zu tun” – obwohl er darüber durchaus im Detail informiert sei. „Aber umsetzen müssen es dann die.”

Bis vor drei Jahren ist er noch viel in der Welt herumgereist, so wie es Vorstandssprecher börsennotierter Gesell-schaften üblicherweise tun. Auf vier Dutzend Flugreisen kam er damals im Jahr. Jetzt absolviert der promovierte Jurist noch etwa ein Dutzend. Hauptsächlich, um Investoren und Analysten zu besuchen. Zuletzt war er im September bei einer Tochtergesellschaft in den Vereinigten Staaten.

Auf sein Verhältnis zu seiner Krankheit antwortet er: „Ich habe es immer entspannt gesehen. Das ist nicht zur Gänze möglich, weil man einfach Behinderungen spürt. Aber davon abgesehen ist es für mich kein Thema.” Über seinen täglichen Medikamentencocktail sagt er: „Nützt es nichts, so schadet es auch nichts.”

Er ist wohl der einzig derart beeinträchtigte Lenker eines Weltmarktführers und überzeugt, dass auch andere Behinderte solche Aufgaben erfüllen könnten. Doch weiß er, welche Vorbehalte dem entgegenstehen. Viele Menschen, die ihn zum ersten Mal sehen, sind befangen und wissen nicht, wie sie ihm begegnen sollen. Er hat Verständnis dafür: „Das passiert aus Unsicherheit und weil man nicht weiß, wie man damit umgehen muss in Europa. Wir sind mental nicht so weit.” Er weist auf den unrühmlichen Umgang mit seinesgleichen in der Vergangenheit hin. Körperlich Behinderte seien irrsinnig lange weggesperrt worden. „Dass jemand im Rollstuhl unterwegs war, hat man früher kaum gesehen. Sie mussten im stillen Kämmerlein sitzen. Niemand ist auf die Idee gekommen, dass das geistig ganz normale Menschen sind.

Wie andere körperlich Beeinträchtigte wünscht er sich eine normale Behandlung. Ungeachtet dessen sieht er die Integration von Behinderten in Unternehmen als schwierig. In Österreich ist ein Unternehmen von einer bestimmten Größe an zur Einstellung von Behinderten verpflichtet oder kann sich daraus freikaufen. Reithofer gibt zu, dass Kompensationszahlungen geleistet werden. „Das ist ein schwieriges Thema. Denn wenn es nicht passt, ist es zementiert für die Ewigkeit.” Dieser Schutz sei ein zweischneidiges Schwert. „Es wäre am besten, sie als normale Mitarbeiter zu betrachten. Dann wäre es auch leichter, sie zu integrieren”, glaubt er und bricht dennoch eine Lanze für die Schutzbedürftigen: „Ich glaube, unter Gleichwertigen würde ich – wenn das Thema Kündigungsschutz brauchbar gelöst ist – durchaus den mit Behinderung primär einstellen.” Bei allem Verständnis für das Thema ist für ihn aber klar: „Es kann nicht zu Lasten des Unternehmens gehen. Wir sind keine gemeinnützige Organisation.” Als vorbildhaft in der Einstellung gegenüber Behinderten sieht der Manager die Vereinigten Staaten, wo der Umgang selbstverständlicher sei: „Die Amerikaner sind flexibler, weniger kompliziert.”

Wer Reithofer beobachtet, sieht zumeist einen Menschen mit heiterer Gelassenheit. Dazu passt sein Leitspruch „sine ira et studio” von Tacitus, der ihn dazu anhält, nicht mit dem Eifer der ersten Emotion sofort Dinge anzugehen. Geprägt diesbezüglich hat ihn sein Vater, ein Richter. Wer ihn für mitleiderregend hält, der irrt. Reithofer ist stolz, bisweilen über den Dingen stehend, ein Liebhaber des britischen Understatements und der Ironie, manchmal spöttisch und charmant. Im Vergleich zu seinem Vorgänger Erhard Schaschl, einem Vielredner, ist er zurückhaltender. Er wirkt milde, ist als Manager jedoch recht energisch und kann ungeduldig sein. Nicht nur in den Ziegelwerken ist er mit dem Rollstuhl so rasant unterwegs, dass Beobachter um ihre Zehen fürchten. Spitzbübisch reagiert der Wiener, der neben Rechtswissenschaften auch Mathematik studiert hat und mit einem phänomenalen Gedächtnis punktet, auf manche Fragen. Er bewundert zudem die positive Einstellung der Amerikaner in wirtschaftlichen Dingen.

Die Finanzkrise hat auch bei Wienerberger tiefe Spuren hinterlassen, in bedeutendem Ausmaß werden Werke geschlossen und Stellen abgebaut. Dies hat auch den bislang recht liberal argumentierenden Vorstandsvorsitzenden umdenken lassen. Zwar glaubt Reithofer nach wie vor an den Markt, kritisiert aber bestimmte Auswirkungen: Unternehmen müssten immer mehr Gewinn machen, um den Fondsmanagern zu gefallen. Es sei ein Teufelskreis provoziert worden. „Jeder, der im Supermarkt nach billigen Produkten greift, setzt diesen in Gang. Denn dies erzeugt Druck auf die Produktivität und vernichtet Arbeitsplätze.” Er erinnert daran, dass die Wirtschaft keinen Selbstzweck habe. Es sei deren Aufgabe, Produkte und Dienstleistungen bereitzustellen. „Es kann mir niemand erklären, was die Spekulation an der Börse den Menschen und der Wirtschaft helfen soll. Im Gegenteil – den Unternehmen wird damit geschadet. Das sind Dinge, die völlig unnötig sind, die vielleicht den privaten Spieltrieb befriedigen. Nur dann sollen die Leute ins Casino gehen und nach Möglichkeit das eigene Geld einsetzen.”

Sein Vertrag läuft noch bis 2011 Reithofer will sich noch nicht damit auseinandersetzen, was danach kommt, stellt aber klar: „Ich habe kein Problem, mich mit anderen Dingen zu befassen.”

Ich über mich

■    Ein guter Arbeitstag beginnt mit … einem ausreichenden Frühstück.
■    Die Zeit vergesse ich, wenn … ich Musik höre.
■    Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, der … muss konsequent die Dinge verfolgen.
■    Erfolge feiere ich … üblicherweise nicht.
■    Es bringt mich auf die Palme,… wenn die Menschen unehrlich agieren.
■    Mit 18 Jahren wollte ich … viel reisen.
■    Im Rückblick würde ich nicht noch einmal… zu wenig Zeit für die Familie aufbringen.
■    Geld macht mich … nicht gierig.
■    Rat suche ich … bei erfahrenen Leuten.
■    Familie und Beruf sind … für mich die Triebfedern des Han-delns.
■    Den Kindern rate ich,… so zu handeln, wie sie es möchten, und nicht, wie andere es erwarten.
■    Mein Weg führt mich … mit Toleranz zum Verständnis für andere Menschen.

Wie ich zu meinem dritten Doktortitel kam …

oder: Dr. humoris causa »stunt«

Once upon a time …: Es war einmal zu einer Zeit, da ich noch in den Kindertagen meines Rollstuhlfahrerdaseins lebte und hinter sieben grünen Hügeln in waldiger Gegend untergebracht war, dass ich mich (wieder einmal) als »Stuntman« zu bewähren hatte. Mit einem guten Genossen zum Rotwein auf der Dachterrasse verabredet und in meinem Rucksack mit einer entsprechenden Kostbarkeit und weiteren Köstlichkeiten ausgestattet, rollte ich über die Flure des Hauses, die, ebenso wie die Umgebung, Berg und Tal kennen. Weil mein Bester s.n. (sine nobiliti) schon mit mehr als akademischen Viertel in Verzug war, machte ich mich auf den Weg zurück zum Fahrstuhl, um nach ihm zu sehen. Der Weg, mit der üblichen Steigung von bis zu 6 % angelegt und mit Fliesen gekachelt, verwandelte sich plötzlich in eine Startrampe, weil mein Anschub impulsiv und mein Rucksack schwer war. Obwohl in meiner Armfunktion erheblich eingeschränkt, hatte ich das Vergnügen, wie ein Paraplegiker oder unvollständig gelähmter Tetraplegiker, vorne abzuheben. Nicht mit der Nase, mit den Rädern hob ich gehn Himmel ab. Der Kopf hingegen neigte sich rückwärtig zu Boden. Mit dem vollen Gewicht meiner Leichtigkeit ausgestattet, fiel der Rollstuhl nach hinten. Die Kippstütze des Herstellers verbog sich und bestätigte alle Befürchtungen, die ich von Anfang an gegenüber dieser Ausstattung meines Rollstuhls hatte. Ich krachte mit den Handgriffen der Rückenlehne auf den Boden, um durch die Restfunktion der Kippstütze nach links umzukippen. Doch Gott sei Dank, ich hatte Glück. Weil mir eine der in waldiger Gegend engagierten Ergofeen in Ausbildung einen superguten Brustgurt angefertigt hatte, der mich ultrastraff im Rollstuhl hielt, wurde ich nicht nur davor bewahrt, mit dem Hinterkopf die Fliesen des Bodens wie Eierschalen aufzuklopfen, sondern auch davor, mit den Schläfen zum Fliesen-Kopfstoss anzusetzen. So blieb mein angeschraubter Kopf ungeschoren und mein Gestänge ungebrochen. Zum Glück rollte ein anderer Kollege auf demselben Flur Richtung Aufzug und konnte Alarm geben. Die Menschen der Pflege kamen, wie ich selbst, mit einem dicken Schrecken davon. Den Rotwein mussten und durften wir zu anderer Zeit genießen. Nicht nur mein Kopf, auch die Flasche war heil geblieben …

Durch diese Rolle rückwärts trainiert, erhielt ich von den Kolleginnen und Kollegen im Rollstuhl den Titel »Dr. hum. c. stunt« zugeeignet. Damit wurde verbürgte Tradition fortgeschrieben und zukünftige Verpflichtung festgehalten  …

Denn es war einmal zu einer Zeit auf den Höhenzügen Tübingens, dass ich am Bewegungstrainer meine Kilometer abspulte, um meinen Kreislauf zu trainieren und der üblichen Neigung zur Thrombose vorzubeugen. Unter den PhysiotherapeutInnen, mit deren Chefin ich »Rotkäppchen und der Wolf« zu spielen pflegte, war eine schöne Praktikantin aus Ungarn, die den hiesigen Fachfrauen und Fachmännern über die Schultern sehen und etwas abgucken durfte. Nachdem sie mich freundlich und aufmerksam in die obligatorische »Tretmühle« eingespannt hatte, blieb sie an der Steuerungsgabel meines Elektro-Rollstuhls hängen. Mit meiner Gabel nahm sie den Rollstuhl unter ihre Fittiche, so dass dieser sich unter meinem Gesäß rückwärts davon bewegte und ich langsam, nicht plötzlich, aber hilflos vom Sitz auf die Fußstütze und von der Fußstütze auf den Boden rutschte. Es war das erste Mal, dass ich meinen Rollstuhl unabsichtlich verlassen musste. Das erste Mal saß mir der Schreck richtig in den Knochen, hatte ich Rückenschmerzen und Kopfschmerzen und die Hoffnung, dass mir so etwas nicht mehr passieren möge. Seither achte ich selbst und achten diejenigen, die es erlebt haben, darauf, dass der Elektro-Rollstuhl bei solchen Aktivitäten ausgeschaltet ist.

Eine andere Übung ergab sich mit dem Elektro-Rollstuhl, als ich während der heiligen Übergabe, in der Pflegepersonal grundsätzlich schwer zu erreichen ist, in meinem Zimmer wartete. Da ich noch nicht zum Entlasten ins Bett gesetzt worden war, lies ich die Rückenlehne meines Elektro-Rollstuhls, den ich damals zur Probe hatte, nach hinten herunter ab. Durch ihr eigenes Gewicht verselbstständigte sich die Steuerungs-Gabel des Elektro-Rollstuhls und schnurstracks startete die Rückenlehne meines Rollstuhls nach hinten unten durch. Plötzlich streckte sich mein Kopf dem Boden entgegen und schoss mir das Blut durch die grauen Zellen. Stress pur, wenn man rückwärts abwärts liegt, ruft und keiner einem hört. Freilich, wie eine Fügung, kam nach gut 20 Minuten ein Pfleger vorbei, der bei der »kollektiven Übergabe«, die von manchen mit einem vorgeschalteten Rauchopfer eröffnet und mit einem nachgelagerten Rauchopfer abgeschlossen wird, nicht dabei war, weil er Notaufsicht hatte. Und ich hatte das Glück, einen Anruf zu bekommen. So wurde St. Martin aus Rottenburg zum Retter in der Not . Er brachte mir das Stations-Handy, und ich hatte die Chance, aufgerichtet zu werden (siehe: Himmelfahrtkommando am Himmelfahrtstag).

Eines ist der Elektro-Rollstuhl, ein anderes ist der mechanische Rollstuhl. Mit ihm habe ich zuvor und später noch einige Turn-Übungen machen dürfen. Im Aufenthaltsraum der Querschnitts-Abteilung einer bekannten Klinik auf den Höhenzügen über Tübingen vergaß ich eines Abends, mir meinen Brustgurt anlegen zu lassen.  So hatte ich die Freiheit, ohne Gurt durch die Gegend zu rollern. Freiheit jedoch hat ihren Preis. Als ich mich mit kräftigem Anschub einem Tisch nähern wollte, kippte ich auf die rechte Seite und hatte das Glück, nicht aus dem Rollstuhl zu fallen, sondern mit der Schläfe auf dem Tisch zu landen. Die anwesenden Kollegen konnten relativ schnell Hilfe herbeirufen. So blieb meine Rolle nach rechts bisher unvollständig. Sie steht nach wie vor noch aus. Die russische Seele, die sich abends um mich kümmert, weiß allerdings, dass ich die Rolle nach links schon absolvieren und einüben konnte. Sie stellt sich nun immer fest auf meine rechte Seite. Denn sie denkt, dass mir die Rolle nach rechts in meinem Übungs- und Trainingsprogramm als Stuntman noch fehlt und ich scharf auf sie bin ….

Once upon a time …: eines Tages, als eine jener jungen, engagierten und hübschen Arbeits-Assistentinnen, die mich unterstützen, großzügigerweise auch meine Morgenversorgung übernahm, durfte ich die Rolle nach links austesten. Wir beide hatten vergessen, meinen Brustgurt für meine Übungen am Bewegungstrainer anzulegen. Durch einen Dekubitus hatte meine Spastik enorm zugenommen. Meine Sprachsteuerung vermerkt dazu: »Spaß dick« (oder wie ein Kollege, der früher einmal  in der Behindertenarbeitet tätig war, zur Spastik sagte: »Ein bisschen Spaß muss sein, …«). Während also mein Bewegungs-Trainer mich im Rückwärtsgang durchbewegte, stellte mein rechtes Bein ganz auf steif. Ich wurde langsam, aber sicher, nach links geschoben. Weil das Erbe immer Auftrag ist und ich schon einige Übung hatte, konnte ich reaktionsschnell meine Arme beziehungsweise Ellenbogen nach oben reißen. Durch die Rolle nach links vertauschten sich Oben und Unten. Meine Ellenbogen landeten auf dem Fußboden. So konnte ich meinen Kopf schützen und verlief die Sache glimpflich. Meine junge Arbeits-Assistentin spurtete herbei und konnte auf einen hervorragenden Adrenalin-Spiegel setzen. Ein heftiger Schweißausbruch erfreute sie. Den unterstützen wir dann gemeinsam und solidarisch mit einem frisch aufgebrühten Kaffee. Das Lachen ist und seither nicht vergangen und so harre ich der Dinge , die da kommen.  Ich bin gespannt, wann die  volle tolle Rolle nach rechts dann ansteht, die  aktuell noch aussteht …

Dann fehlt mir nur noch die Rolle vorwärts, der Purzelbaum …

Lese Empfehlung: Schneider, Robert, Wie ich das Laufen verlernte …